Deutschland rüstet sich militärisch bis an die Zähne – während die eigene Bildungsbasis zerfällt
Für Verteidigung werden binnen weniger Jahre dreistellige Milliardenbeträge mobilisiert, für eine Brigade in Litauen rund eine Milliarde Euro jährlich eingeplant und Soldaten nun notfalls verpflichtet. Gleichzeitig erreicht Deutschlands Schulbildung historische Tiefstände. Wer so Prioritäten setzt, darf sich über wachsenden politischen Frust nicht wundern.
Deutschland will wieder verteidigungsfähig, abschreckungsfähig und nach den Worten von Verteidigungsminister Boris Pistorius sogar „kriegstüchtig“ werden, doch bei der Zukunftsfähigkeit der eigenen Kinder scheint dieser politische Ehrgeiz erstaunlich schnell zu erlahmen. Die OECD bescheinigt Deutschland mit PISA 2025 in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften die niedrigsten Ergebnisse, die für Deutschland jemals in dieser Studie gemessen wurden. Der Anteil leistungsschwacher Schüler ist gegenüber 2015 in Mathematik um 17 Prozentpunkte, beim Lesen um 15 Prozentpunkte und in den Naturwissenschaften um zehn Prozentpunkte gestiegen. Nur noch etwa zwei Drittel der 15-Jährigen erreichen in Mathematik und Lesen wenigstens die von PISA definierte Mindestkompetenz. Für eine Industrienation, deren Wohlstand auf Ingenieurskunst, Forschung, Facharbeit und technologischem Vorsprung beruht, ist das kein schlechter Zwischenstand, sondern eine strategische Katastrophe.
Auch der Bildungsmonitor 2026 liefert keine Entwarnung, sondern verweist unter anderem darauf, dass 18,8 Prozent keinen Berufsabschluss besitzen. Gleichzeitig werden formal immer mehr Bildungsabschlüsse vergeben, während die tatsächlich gemessenen Kompetenzen vieler Schüler sinken. Man kann über einzelne Bewertungen des wirtschaftsnahen Bildungsmonitors streiten, aber die unabhängigen OECD-Daten lassen den grundlegenden Befund kaum noch wegdiskutieren. Deutschland verliert bei genau jener Ressource an Substanz, auf der sein wirtschaftlicher Erfolg seit Jahrzehnten beruht. Öl haben wir kaum, Gas haben wir kaum, billige Energie haben wir nicht mehr, und nun schwindet auch noch der Vorsprung bei Bildung und Qualifikation!
Umso bemerkenswerter ist, mit welcher Geschwindigkeit die Politik an anderer Stelle plötzlich Milliarden mobilisieren kann. Für Verteidigung und Sicherheit sind im Bundeshaushalt 2026 rund 100,9 Milliarden Euro vorgesehen, fast 29 Milliarden mehr als im Vorjahr. Für 2027 soll der Verteidigungsetat weiter massiv wachsen, zusätzlich zu bereits bestehenden Sondermitteln für die Bundeswehr. Wenn es um Aufrüstung geht, scheint die Bundesrepublik plötzlich finanzpolitische Möglichkeiten zu entdecken, die bei Schulen, Pflege, Infrastruktur oder kommunaler Daseinsvorsorge jahrelang als kaum darstellbar galten. Selbstverständlich muss Deutschland angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und seiner NATO-Verpflichtungen für seine Verteidigung sorgen.
Aber Sicherheit besteht nicht nur aus Leopard-Panzern, Artilleriesystemen, Flugabwehr und Brigaden an der NATO-Ostflanke. Ein Staat ist auch dann unsicher, wenn seine Schüler nicht mehr ausreichend lesen und rechnen können, wenn Fachkräfte fehlen und wenn seine wirtschaftliche Basis erodiert. Eine Gesellschaft kann sich militärisch bis an die Zähne bewaffnen und trotzdem ihre Zukunft verspielen. Genau deshalb ist die neue deutsche Brigade in Litauen weit mehr als nur ein militärisches Projekt. Sie wird zunehmend zum Symbol dafür, welche verherrende politischen Prioritäten Deutschland innerhalb kürzester Zeit zu setzen bereit ist.
Rund 4.800 Soldaten und etwa 200 zivile Beschäftigte sollen dort dauerhaft stationiert werden. Im Vollbetrieb wurden die laufenden Kosten der Brigade auf ungefähr eine Milliarde Euro pro Jahr geschätzt. Hinzu kommen Milliarden für zusätzliches Material und militärische Ausstattung, auch wenn ein Teil dieser Beschaffungen unabhängig vom Stationierungsort ohnehin notwendig gewesen wäre. Eine Milliarde Euro pro Jahr ist jedoch kein Kleingeld, sondern eine politische Entscheidung darüber, wofür der Staat dauerhaft erhebliche Ressourcen bindet.
Währenddessen diskutieren deutsche Kommunen über marode Schulen, fehlende Lehrer, überlastete Kitas und Unterrichtsausfall.
Besonders brisant wird die Angelegenheit durch die jüngste Entscheidung von SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Die Brigade sollte personell weitgehend auf Freiwilligkeit beruhen, doch dieses Versprechen stößt inzwischen offenbar an seine praktischen Grenzen. Weil insbesondere bei IT und Logistik weiterhin Personal fehlt, sollen mehrere Hundert Soldaten nun auch gegen ihren ursprünglichen Wunsch nach Litauen versetzt oder kommandiert werden. Das ist dienstrechtlich noch lange keine allgemeine Wehrpflicht, doch politisch ist der Schritt von der beschworenen Freiwilligkeit zur staatlich angeordneten Verpflichtung unübersehbar. Ausgerechnet ein sozialdemokratischer Verteidigungsminister setzt damit durch, was vor wenigen Jahren politisch noch kaum vorstellbar gewesen wäre.
Parallel führt Deutschland bereits einen neuen Wehrdienst ein, verpflichtet junge Männer zur Auskunft und plant ab 2027 wieder verpflichtende Musterungen. Sollten die gewünschten Freiwilligenzahlen nicht erreicht werden, hat der Gesetzgeber zusätzlich die Möglichkeit einer Bedarfswehrpflicht geschaffen. Wer angesichts dieser Entwicklung behauptet, zwischen all diesen Schritten bestehe keinerlei politischer Zusammenhang, verlangt vom Bürger schon eine bemerkenswerte Portion Gutgläubigkeit. Deutschland bewegt sich innerhalb weniger Jahre von jahrzehntelangem Personalabbau der Bundeswehr hin zu massiv steigenden Militärausgaben, verpflichtender Erfassung, verpflichtender Musterung und nun sogar unfreiwilligen Auslandskommandierungen innerhalb der bestehenden Streitkräfte.
Gleichzeitig fallen Deutschlands Kinder bei internationalen Leistungsvergleichen immer weiter zurück. Genau dieser Gegensatz ist politisch explosiv, weil Millionen Bürger erleben, dass für bestimmte staatliche Prioritäten Geld, Geschwindigkeit und politischer Wille plötzlich nahezu unbegrenzt vorhanden erscheinen. Wenn eine Regierung für militärische Projekte binnen kürzester Zeit Milliarden freimachen kann, muss sie sich fragen lassen, weshalb der seit Jahrzehnten bekannte Bildungsnotstand nie denselben Ausnahmezustand ausgelöst hat. Vielleicht braucht Deutschland tatsächlich mehr Panzer, mehr Munition und eine starke Ostflanke, aber vor all diesen Dingen braucht dieses Land Kinder, die in zwanzig Jahren noch in der Lage sind, diese Systeme zu entwickeln, zu bauen, zu warten und zu finanzieren.
Ein Land, das seine Armee kriegstüchtig machen will, während seine Schulen immer weniger zukunftstüchtig werden, sollte sich nicht wundern, wenn immer mehr Bürger irgendwann fragen, ob in Berlin überhaupt noch jemand die richtigen Entscheidungen fällt.
Die Wahl in Sachsen-Anhalt am 06.09.2026 hat die Quittung bereits ausgestellt – und wenn CDU und SPD sie weiter ungelesen liegen lassen, könnte Mecklenburg-Vorpommern sie ihnen am Sonntag 20.09.2026 noch einmal in riesigen Frakturschrift auf den Tisch knallen.